Woodland Academy - therapeutic summer camp

BECOMING 

ME

 

 

 

Prolog

»Jules!«, donnert die Stimme meines Vaters durch die Eingangshalle, die Treppe herauf, durch die geschlossene Tür bis in mein dunkles Zimmer.

     Ich schiele auf den Wecker neben meinem Bett: zwölf Uhr mittags. Stöhnend ziehe ich mir die Decke über den Kopf. Was auch immer es sein mag, es muss warten. Wie viel habe ich gestern getrunken? Und wie lange war ich überhaupt unterwegs ...?

     Aber der Plan, meinen Rausch auszuschlafen, soll nicht aufgehen, denn nun fliegt die Tür auf und Dad platzt herein. Ich schrecke hoch, ist es doch so gar nicht seine Art. Klar, wir haben unsere Differenzen, aber normalerweise bewahrt er Haltung. An meinem Bett bleibt er stehen und starrt auf mich herab, als wäre ich eine Fremde, die in sein Haus eingedrungen ist. Sein Gesicht ist rot angelaufen, sein Mund wutverzerrt.

     »Was zum Teufel ist in dich gefahren?«, brüllt er mich an.

     Mein Kopf droht bei dem plötzlichen Lärm zu platzen und ich kneife die Augen zusammen. »Nicht so laut«, jammere ich und fasse mir an die Stirn, hinter der es kräftig pulsiert. »Ich hab Kopfschmerzen.«

     »Kopfschmerzen?«, wiederholt Dad ungläubig und ballt die Fäuste, sodass seine Fingerknöchel weiß hervorstechen. »Die werden dein kleinstes Problem sein, sobald ...«

     »Charles, was ist denn los? Ich habe dich schreien gehört ...«, wird er von Mom unterbrochen, die hinter ihm ins Zimmer stolpert. Bei seinem Anblick verstummt sie und sieht mich fragend an, dabei bin ich genauso ratlos wie sie.

     Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schaltet Dad sein Handy ein und hält es ihr hin. Ich kann zwar nichts sehen, höre aber leises Gelächter und eine tiefe Stimme, die sagt: »Das wird geil, Mädels.« Bei ihrem Klang gefriert mir das Blut in den Adern.

     Mein Blick schnellt zu Mom, die sich eine Hand vor den Mund schlägt. »Oh, Honey, was hast du bloß getan?«, flüstert sie und reicht an mich weiter.

     Auf dem Video, das dort läuft, bin ich zu sehen, nur in Unterwäsche. Meine Zunge steckt in Ivys Mund. Lachend löst sie sich von mir, schnappt sich einen Spiegel vom Nachttisch und zieht sich eine Line, während ich einen tiefen Zug aus einer halbleeren Whiskeyflasche nehme. »Das wird geil, Mädels«, hört man den Typen sagen, der das Video dreht. Ich kann mich nicht mal mehr an seinen Namen erinnern. An dem Punkt mache ich das Handy aus, denn ich weiß jetzt wieder, wie es weitergeht. Koks und Whiskey – das erklärt auch meinen Zustand. Stöhnend lasse ich mich zurück auf die Matratze fallen.

     »Das wird noch Folgen haben, junge Dame«, verkündet Dad, dreht sich um und stürmt aus dem Zimmer.

     »Was hast du uns da nur eingebrockt ...«, sagt Mom mit erstickter Stimme. »Ich versuche, mit ihm zu reden.«

     Wenige Augenblicke später fällt die Tür hinter ihr ins Schloss und es ist endlich wieder still in meinem Zimmer. Zurück bleiben nur ich und der hämmernde Kopfschmerz. Okay, dieses Mal habe ich echt Scheiße gebaut, so viel steht fest. Was ich nicht weiß, ist, was mich nun erwartet.

Woodland Academy III

Anything

for you

 

 

 

Prolog

»Hier stehen wir nun, an der Schwelle zur Zukunft. Sie ist keine ferne Realität mehr. Heute fängt alles an. Als Kinder kamen wir ins Internat, als Erwachsene gehen wir davon. Alles, was wir in den vergangenen Jahren gelernt haben, dient uns als Plattform für das, was jetzt auf uns zukommt. Einige von uns werden ein College besuchen, andere direkt in die Arbeitswelt eintreten. Sicher ist, dass jeder seinen eigenen Weg gehen wird. Aber wohin uns dieser auch führen mag, was uns mit Sicherheit erwartet, sind Herausforderungen. Von nun an müssen wir die Verantwortung für unser Handeln tragen. Es ist wichtig, dass jeder Einzelne diesen Herausforderungen mit erhobenem Haupt und offenem Herzen begegnet und sich nicht vor der Verantwortung scheut.« Maya macht eine bedeutungsvolle Pause und dreht sich verstohlen zu Luke um. Dieser Teil ihrer Rede gilt offensichtlich ihm.

     Was andere nicht bemerken, fällt mir sofort auf, schließlich sind unsere Geschichten eng miteinander verwoben. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in dieses Netz aus Geheimnistuereien, Lügen und Machtspielchen gelangt bin. Es passt überhaupt nicht zu mir, habe ich mich doch ein Leben lang bemüht, nicht aufzufallen und möglichst unbehelligt durch den Alltag am Rande der Gesellschaft zu kommen. Woodland Academy war meine Chance, und ich habe sie genutzt. Nach dem Sommer werde ich Kommunikationswissenschaften in Illinois studieren, mit einem Vollstipendium. Die jahrelange Arbeit hat sich gelohnt, und mein Traum wird endlich wahr. Aber warum habe ich dann einen Stein im Magen?

     Mein Blick fällt auf Nate, ein paar Reihen vor mir. Wegen ihm. Immer – alles – wegen – ihm. Er starrt seinen Vater an, der in der ersten Reihe sitzt und seinen Blick erwidert.

In meinem Kopf dreht sich alles. Maya, Nate, Luke und ich, wir sind nichts weiter als Figuren in einem Spiel, das keiner von uns richtig beherrscht. Ein falscher Schachzug, und alles ist verloren.

Woodland Academy II

NEVER

SAY NEVER

 

 

 

Prolog

Jetzt ist Logan-Time … Damit fing alles an. Oder hörte alles auf, je nachdem, wie man das sieht. Vor anderthalb Monaten habe ich Leah abgeschworen. Seitdem hat sich so einiges verändert. Zunächst einmal ist Ethan wieder da. Und er verbringt seine ganze Zeit mit Allie, aber das ist völlig in Ordnung. Bei ihr ist er in besten Händen, und ich kann mich jetzt endlich auf mich und meinen Abschluss konzentrieren. Und auf Football, mehr brauche ich auch nicht, um glücklich zu sein. Trotzdem ist da ein bitterer Beigeschmack, jedes Mal, wenn ich das Feld betrete; immerhin habe ich es Leah zu verdanken, dass ich im Team bin ...

 

ANDERTHALB MONATE ZUVOR ...

 

»... und herzlich willkommen im Team«, fügt Leah leise hinzu, während Allie und Ethan sich überglücklich aus dem Staub machen.

     Habe ich mich da gerade verhört? »Was hast du gesagt?«, frage ich verunsichert.

     »Du bist ab morgen im Footballteam. Also richtig, nicht nur auf der Bank. Du wirst bei jedem Spiel auf dem Feld stehen, also fang schon mal an zu trainieren«, neckt sie mich.

     Einen Moment lang bin ich geschockt. Und dann reiße ich sie in meine Arme. Es ist mir sogar ziemlich egal, ob man uns jetzt sieht. Zum Teufel mit Leahs beschissenen Regeln. Noch nie hat sich jemand um mich gekümmert, mal abgesehen von meiner Mutter. Zugegeben, Ethan ist zwar für mich da, aber im Grunde bin ich es ja immer, der ihm aus der Klemme helfen muss. Was bestimmt auch daran liegt, dass ich mich anderen nicht gerne mitteile. Ich behalte meine Probleme lieber für mich. Schließlich soll niemand denken, dass ich nicht in der Lage wäre, für mich selbst zu sorgen. Ich habe mich noch nie meinem Schicksal ausgeliefert gefühlt, sondern schon immer für das gekämpft, was ich wollte, und es auch erreicht, egal, wie aussichtslos die Lage auch schien. Das wurde soeben wieder unter Beweis gestellt. Das Einzige, das ich in meinem Leben nicht unter Kontrolle habe, sind meine Gefühle für das Mädchen vor mir. Verdammte Gefühle ... Hoffnungsvoll blicke ich auf Lee hinab.

     Sie zögert einen Augenblick, umarmt mich dann aber ebenfalls.

     Es fühlt sich alles so richtig an. Sie fühlt sich richtig an.

     Sie nimmt mein Gesicht in beide Hände und sieht mich prüfend an, bevor sie mich küsst. Langsam fängt sie an, mein Hemd aufzuknöpfen.

     Ist das ihre Art, mir zu zeigen, dass sie doch mehr für mich empfindet? Jetzt, wo ich Teil des Footballteams bin, werde ich doch bestimmt auch von unseren Mitschülern ganz anders wahrgenommen werden. Sportler werden doch hierzulande immer auf ein hohes Podest gestellt. Und ich bin wirklich gut. Das müsste Leah doch gefallen, sie lebt schließlich dafür, von anderen bewundert zu werden. Mich interessiert das nicht wirklich, aber wenn es ihr guttut, wen stört das dann? Also mich ganz bestimmt nicht. Leah ist anders als all die übrigen Mädchen. Sie ist verrückt und wild, und ... Leah halt. Aber ich bin ja noch nie vor einer Herausforderung zurückgeschreckt. Trotz aller offensichtlichen Unterschiede wären wir ideal füreinander, wenn sie nur ...

     »Logan, das ändert aber nichts zwischen uns ...«

     ... genau das nicht immer sagen würde. Wütend lasse ich von ihr ab und mache mein Hemd wieder zu.

     Verblüfft sieht sie mich an, wie ich schweratmend vor ihr stehe.

     Am liebsten würde ich sie anschreien: Und warum nicht? Bin ich immer noch nicht gut genug für dich, oder was? Aber wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich in erster Linie auf mich selbst sauer. Mehr noch als auf sie. Leah hat mir schließlich nie was vorgemacht. Sex, und nichts weiter ... das hat sie immer zu mir gesagt. Und sie hat sich auch daran gehalten. Ist ja nicht ihre Schuld, dass ich das nicht getan habe. Dass ich insgeheim immer gehofft habe, dass da ... noch mehr kommt.

     Irgendwann wird einem einfach klar, dass es an der Zeit ist loszulassen. Und unser Moment scheint jetzt gekommen zu sein. Ich atme also tief durch und erwidere: »Weißt du was – ich hab dein ewiges Hin und Her echt satt. Wenn du nichts von mir willst, dann eben nicht! Aber dann gar nicht. Das mit uns – was auch immer das war – hat sich ab heute erledigt. Und zwar ein für alle Mal.«

Woodland Academy I

Too good

to be true

 

 

 

Prolog

Wieder stehe ich vor dem großen, schweren Eingangstor des Internates.

Wieder in zerrissenen Jeans und meiner alten Lederjacke, die mich über die Jahre hinweg durch dick und dünn begleitet hat. Hinter diesem Tor verbirgt sich meine Zukunft. Sie ist zum Greifen nah.

     Die Dämmerung bricht an, und es regnet. Alles wie am ersten Tag. Die Regentropfen perlen von meinen kurzrasierten Haaren ab und rollen kühl mein Gesicht hinunter. Ein paar besonders dicke nehmen mir die Sicht. Ich stecke meine Hände tief in die Hosentaschen und atme die klare Luft ein. Ich blicke zum großen, gewölbten Fenster des herrschaftlichen Hauptgebäudes hinauf, durch das ein warmes Licht sickert. Da steht sie, wie am ersten Tag. Schon damals hatte ihr Anblick mir die Sprache verschlagen, auch wenn sie mich neben all den Neuankömmlingen noch nicht bemerkt hatte. Dieses Mädchen bedeutet mir einfach alles. Und diesmal schaut sie nur mich an. Doch trotz der beschlagenen Fensterscheiben kann ich sehen, dass ihre Augen nicht mehr leuchten, wie sie es sonst immer bei meinem Anblick getan haben. Kein Lächeln umspielt ihre Lippen. Ich weiß, mit diesem Mädchen an meiner Seite könnte ich einfach alles schaffen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es noch Hoffnung für uns gibt, oder ob ich sie für immer verloren habe.

© 2019 by Marcella Fracchiolla. Created by InQbiz LLC

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